Satire

 

Dieses mag hier hinlänglich sein, den Charakter der Satire überhaupt zu bestimmen.

Diese Gattung erfordert sowohl einen starken Denker als einen Mann von warmen Gefühle. Grosser Verstand und Scharfsinn helfen ihm jede Abweichung von der Natur genau zu bemerken und richtig zu beurteilen; sie heben ihn in die Höhe, von der er die Menschen übersehen und auf ihren Wegen genau beobachten kann. Sein scharfes Auge entdeckt die Folgen der Abweichungen und ihre Wichtigkeit; er sieht das noch nicht vorhandene Verderben und wiedersetzt sich ihm noch zu rechter Zeit. Seine höheren Einsichten setzen ihn im Stande seinen Mitbürgern die Gefahr die ihnen droht und das Übel, das schon an ihrer Wohlfahrt wie ein Wurm im Verborgenen naget, deutlich vor Augen zu legen; er weiß es gerade in das Licht zu setzen, in welchem es den größten Abscheu, oder den stärksten Unwillen, oder die gewisseste Verachtung, oder Spott und Gelächter erweckt.

Die Wärme des Herzens ist seine Muse, die ihn zu dem nüzlichen Kampf ermuntert und ihn in die Laune setzt, die dem Thoren so schwer wird. Da er Wahrheit, Geschmack und gute Sitten über alles liebt, so wird ihm auch keine Mühe zu schwer, ihre Rechte gegen jeden Angriff zu verteidigen.

Diese Eigenschaften aber hat er auch mit anderen großen Künstlern und Lehrern der Menschen gemein. Ihm besonders eigen aber ist die Gabe der satirischen Laune. Wenn er wie Heraklitus, über die Torheiten und Verblendung des Menschen zu weinen, oder auch wie Demokritus nur für sich darüber zu lachen geneigt wäre, so würde er nicht als ein Zuchtmeister öffentlich auftreten. Dazu wird notwendig eine etwas scharfe Galle, oder die Lust laut aufzulachen, erfordert. Der Satiriker muss etwas hizigen Temperaments sein, dass er sich von der verdrießlichen oder lächerigen Laune übernehmen, oder dahinreissen lässt; er muss nicht traurig, sondern bös werden, wo er schwere Vergehungen sieht; er muss von dem Narren nicht zu einer trokenen Verachtung, sondern zum Spott gereizt werden; und das Lächerliche muss nicht bloß seinem Verstand ungereimt vorkommen, sondern sich seiner Einbildungskraft in einer wahrhaftig komischen Gestalt darstellen, darüber er sich nicht still ergötzt, sondern laut lustig macht.

Ist er von solcher Gemütsart, so wird es ihm zur Lust an der Satire gewiss nicht fehlen und denn wird ihm auch, wenn er sonst die dem Dichter überhaupt nötigen Gaben, einer lebhaften Schilderung sichtbarer und unsichtbarer Dinge hat, die glückliche Ausführung nicht misslingen. Nur ist ihm vorzüglich der feine Witz nötig, geistreiche Ähnlichkeiten zu finden und das, was die Torheit dadurch, dass sie gewöhnlich ist, von ihrem Lächerlichen verliert, recht auffallend zu machen, indem es durch völlig ähnliche, aber sehr lächerliche Gegenstände herausgebracht wird.

Bedenkt man, dass der wahre Zweck der Satire bei dem Dichter ein warmes Interesse für Wahrheit, Geschmack und Tugend voraussetzt und auf der anderen Seite, dass Lust zum Spott etwas von Verachtung der Menschen und lachende Laune in der Regel mit etwas Leichtsinn verbunden sind; so wird man leicht begreifen, dass ein wahrer Satirendichter etwas seltenes sein müsse. Einige geraten in wirkliche Bosheit, wie Aristophanes und Swifft, andere geraten in Possen, wie Scarron und suchen bloß, uns lustig zu machen. Man wird sich deswegen nicht verwundern, dass unter der Menge guter Dichter nur wenige zur Satire aufgelegt sind.

Aber es ist nun Zeit, dass wir den Nuzen dieser Art näher erwägen. Ich getraue mir nicht zu behaupten, dass Bösewichte, Narren und Thoren von allerlei Art, gegen die die Satire eigentlich gerichtet ist, sich dadurch bessern lassen, wiewohl auch nicht zu läugnen ist, dass mancher von ihnen wenigstens schüchtern gemacht und in einigen Schranken gehalten werden könne. Die Hauptsache kommt auf die Wirkung an, welche man auf den gesunden Teil der Leser machen kann. Ich habe bereits an einem anderen Orte, wo ich nicht irre, hinlänglich gezeigt, was für gute Wirkung die lachende und spottende Satire haben.11) Von der ernsthaftern züchtigenden Satire, kann man mit Grunde dieselbe Wirkung erwarten. Selbst der Böswicht kann nicht leiden, dass er vor den Augen der Welt gepeitscht werde und mich dünkt, dass nichts schrecklicheres sein könne als öffentliche Schande: sie muss, sowohl für den, der sie leidet als für den, den sie warnet, wenn er nicht völlig aller Empfindung der Ehre beraubet ist, von sehr starker Wirkung sein. Würde man also zu viel sagen, wenn man den wahren Satiriker, der dem Endzweck der Satire Genüge leistet, für ein Geschenk des Himmels ausgäbe, womit einer ganzen Nation höchstwichtige Dienste geleistet werden? Ich sehe sie als Wächter an, die ihre Mitbürger für jeder sittlichen Gefahr auf das Nachdrücklichste warnen und als öffentliche Streiter die sich jedem eingerissenen Übel auf die wirksameste Weise wiedersetzen. Sie vermögen mehr als äußerliche Gewalt, die nur den Ausbruch des Übels auf eine Zeitlang hemmet, aber die Wurzel desselben nicht abschneidet. Es wäre wohl möglich Erfahrungen darüber anzuführen; aber dieses ist für uns zu weitläufig.

Ich getraue mir deswegen zu behaupten, dass die Satire wohl eine besondere Aufmerksamkeit von Seite der gesezgebenden Macht, in jedem Staat verdiente. So wie die Selbstrache, in Fällen, wo die Geseze Genugthuung verschaffen und das Pasquill, das in Privatfeindschaft gegründet ist, notwendig in jedem ordentlichen Staat verbothen sind, so sollte auf der anderen Seite der redliche Satirist, von den Gesetzen geschützt werden.

Freilich würden ihr Schranken zu setzen sein die ihrem Mißbrauch zuvorkämen. Gemeine Schwachheiten, Vergehungen und Beleidigungen, die aus Übereilung geschehen, alles vorübergehende Schlummern das keine wichtige Folgen hat, verdient Nachsicht und freundschaftliche Erinnerung; und alles Böse, das durch Zuflucht zu den Gesetzen kann gehemmt werden, ist von der Satire ausgeschlossen. Die persönliche Satire würde große Einschränkung erfordern. Niemand als der aus Boßheit öffentlich sündiget, oder dessen Vergehungen seines Ansehens halber von schädlichen Folgen sind, sollte in Satiren genannt, oder offenbar bezeichnet werden12).

Allein wir können uns hier nicht in den ausführlichen Vorschlag zu einer Gesezgebung für die Satire einlassen. Ich wollte nur erinnern, dass sie nüzlich wäre, zugleich aber, dass sie große Vorsichtigkeit erforderte. Auch möchte es nicht ganz ohne Nuzen sein, denen die sich unter uns öffentlich als Richter und Beurteiler dessen, was im Reich der Wissenschaften und des Geschmacks vorgeht, einige Grundmaximen in Absicht auf die satirischen Züchtigungen, die sie bisweilen vornehmen, zur Überlegung anheimzustellen. Doch es scheint, dass man den Mißbrauch eingesehen habe. Es ist an unsern guten periodischen Schriften, worin die neuesten Schriftsteller mit republikanischer Freiheit beurteilt werden, über diesen Punkt wenig mehr zu erinnern, nachdem die scharfsinnigern Kunstrichter von den ehemaligen Aristophanischen Mutwillen, auf eine bescheidene Beurteilung zurücke gekommen sind. Einzele hizige Köpfe, die sich dadurch ein Ansehen u geben glauben, dass sie mit Mutwillen schimpfen und spotten, wo sie höchstens ihre Meinung mit Bescheidenheit und einiger Furchtsamkeit sagen sollten, muss man ihrem Sinn überlassen, bis sie von selbst verständiger werden.

Wenn man sagt, dass die Satire bei den Römern aufgekommen sei, so muss man es nur von der besonderen Art verstehen, welche die Satire in einem kleinen Gedicht, das eine moralische, bald lehrende, bald strafende Rede über die Sitten der Menschen in Versen ist, behandelt. Denn Aristophanes war unstreitig ein Satiriker. Die sehr verdorbenen Sitten der Römer unter den Cäsaren haben drei vortrefliche Dichter in dieser Gattung hervorgebracht. Horaz ist mehr zum Lachen über Torheiten als zu ernsthaftern Angriffen der verderblichen Laster geneigt; Juvenalis ist strenger, zieht schärfer auf die verderbliche Unsittlichkeit seiner Zeit los und weiß sowohl Unwillen als Spott und Lachen zu erwecken. Persius fällt schon etwas ins Weinerliche, straft und lehrt mit stoischem Ernst.

Ich habe nicht Lust diesen Artikel mit Anführung und Beurteilung aller satirischer Dichter der neueren Zeiten zu verlängern. Wer sie nicht kennt, mag den sechsten Teil der Briese zur Bildung des Geschmacks an einen jungen Herrn von Stande, darüber nachlesen. Wir sind in diesem Stück etwas hinter den anderen gelehrten europäischen Nationen zurücke. Von unseren Dichtern sind Caniz und Haller die einzigen, die sich in der römischen Satire hervorgetan haben. Liscov, Rost und Rabner, vornehmlich der erste, haben wahre satirische Talente gezeigt. Aber sie haben sich meistenteils an Torheiten von niedriger Gattung gehalten. Wäre Liscov dreißig Jahre später aufgetreten, so würde er, allem Ansehen nach, dem guten Geschmack durch seine Satire weit wichtigere Dienste geleistet haben. Vielleicht erweckt ein guter Genius auch unter uns bald einige satirische Köpfe, die der Nation ihre wichtigere Torheiten, Vorurteile und unsittliche Arten zu handeln auf eine kräftig beschämende Weise vorhalten werden. An einzelnen Spuren, dass in Deutschland Köpfe die der Sache gewachsen wären, bereits vorhanden sind, fehlt es nicht.

 

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11) S. Lächerlich S. 647. f. f. 

12) Es kommt bei der Personalsatire sehr viel auf den Charakter der Nation an und hier verdient angemerkt zu werden, dass bei den Griechen und Römern persönliche Anzüglichkeiten ungerochen dahingiengen, die gegenwärtig in den meisten Europäischen Ländern tödliche Feindschaft verursachen würden. Es möchte der Mühe wohl wert sein, den Gründen eines so merklichen Unterschieds zwischen jenen alten und den heutigen Sitten nachzuspühren. Verrät die gar zu große Empfindlichkeit für jeden Tadel nicht etwas Kleines in der Gemütsart? Mir kommt es so vor, denn es scheint, dass ein gesetzter Mann um so viel weniger den Tadel empfindet, je mehr er sich selbst fühlt und je mehr Freiheit er sich selbst nimmt, nach seiner eigenen Art zu handeln, ohne sich daran zu kehren, wie andere verfahren. Die allzugroße Empfindlichkeit scheint etwas kleinstädtisches zu haben; und die Erfahrung lehrt, dass in kleinen Orten, wo die Gemüts- und Lebensart der Menschen eng eingeschränkt ist, heftige Feindschaften über Kleinigkeiten entstehen, die unter Personen, die einen größern Kreis übersehen, kaum scheele Minen würden veranlasst haben.

 



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
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